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Der Streit der hohen Geister

"Aber warum ist Bielomak so böse, Tante Nakiga?" quengelten die Kleinen, die unter ihrer kundigen Hand die Kunst des Netzwebens- eine ebenso wichtige und unverzichtbare wie furchtbar langweilige Tätigkeit- erlernten.
"Das ist aber keine schöne Geschichte, sie ist grausam und traurig" mahnte Nakiga und wußte, daß sie damit die Neugier der Kleinen umsomehr anstachelte. Das Quengeln wurde lauter, bis sich Nakiga mit einem "In Zavas Namen, damit Ruhe ist" erbarmte.
 Als sie zu erzählen begann, wurde es ganz leise und die erbarmungslose Sonne, die auf das Deck des salzüberkrusteten Floßes brannte, war vergessen...
 
Nun, vor langer, langer Zeit, bevor die Menschen lebten und bevor es die Tiere gab, gab es nur die Voluk und die Haluk, die großen und die kleinen Geister. Sie lebten friedlich und teilten brüderlich. Doch Bielomak, ein Haluk, schlug vor: "Laßt uns Wesen machen, die wir beobachten können, die die See bevölkern sollen und uns zur Unterhaltung dienen" Die anderen waren von diesem Vorschlag begeistert und jeder Geist machte Wesen, die ein Abbild darstellten. So erschuf Bielomak die Haie, Nutomak die Seeadler, Norgi die Delphine, Sati die Robben und so weiter.
 Die Voluk sahen diese Entwicklung mit großer Freude und Sorge zugleich, da sie sich am Spiel der Tiere auch erfreuten, aber das geschäftige Treiben und das viele Leben in ihren Bereichen verwirrte die Voluk auch.
Lange Zeit war die See ein friedlicher und schöner Ort, ein Ort voll Spiel und Freude. Doch Bielomak war nicht zufrieden. Seine Idee, sein schöpferischer Geist war nicht gewürdigt worden, und er hatte nur ein Wesen für sich, so wie alle anderen. Dabei hatte er das erste Wesen erschaffen...

"Nein, wenn du das Netz so machst, wirst du keine Fische fangen und deine Familie muß verhungern..., du mußt die Knoten sorgfältiger machen... ja, so.. Nun" sie räusperte sich "wo war ich- ach ja:
 .. und Bielomak war keineswegs zufrieden mit seiner Stellung. So machte er seine Wesen, die Haie, gefährlicher, mächtiger, ließ sie die anderen Tiere jagen und schreckte auch nicht davor zurück ihnen einen Blutdurst mitzugeben, der sie dazu veranlaßte, alles zu töten, was sie erblickten. Er wollte ein Voluk sein und die Elemente selbst beherrschen.
 
Yjei-Doma hingegen war weise und still, wie es ihrem Umfeld geziemte, denn sie war die Voluk der Tiefe und war mit dem Geringsten zufrieden. Da ging Bielomak hin zu ihr und fragte sie:" Große Schwester, ist dir die Herrschaft über die Tiefe nicht zu viel Arbeit? Das ständige Leben im Dunkeln, über dir Ashgi Kanuk und seine Brüder der Lüfte und des Landes, die miteinander spielen, während du in der Finsternis verharren mußt. Wie würde es dir gefallen, auch am Spiel teilzuhaben? Du könntest dein eigenes Wesen erschaffen, in dem du lebst und könntest diese Ödnis verlassen."
Yjei-Doma, die nur das Beste dachte, willigte ein und übergab Bielomak die Tiefe, während sie sich die klügsten, nettesten, wendigsten und freundlichsten Tiere schuf: Die Otter. Darum nannte sie sich ab da: Yjei-Doma, was soviel heißt wie: Ottermutter.
Bielomak aber beherrschte die Tiefe und erschuf ein Wesen der Gräßlichkeit nach dem anderen, so erschuf er Wesen, die Lichter auf dem Kopf tragen, Fische mit riesigen Gebissen, durchsichtige Krebse und vieles andere mehr, was gegen die Schönheit der Natur verstieß. Sogar riesige Kalmare erschuf er sich, nur um die anderen Haluk zu ärgern.
Aber auch dies war Bielomak nicht genug und er begann mit seinen blutdürstigen Wesen die See rot zu färben, sodaß sich die Haluk zusammentaten und vor die Voluk traten, um dem Treiben ein Ende zu machen.
Doch Ashgi-Kanuk wußte nicht, was er gegen Bielomak tun sollte, denn Bielomaks Reich war die Tiefe, und da konnten ihm die Brüder des Landes und der Luft nicht helfen und Yjei-Doma war in ihrer neuen Position zu schwach, doch da kam ihr eine Idee:
Sie ging zu Bielomak und schmeichelte ihm, wie stark er doch die Tiefe verwalte, wie schrecklich seine Wesen seien und wie stark und blutdürstig, aber immer ließ sie einen feinen Hauch von Spott durchklingen, nie offensichtlich, aber so, daß es Bielomak rasend machte. Er protzte und prunkte damit, daß er mit seinen Wesen die ganze See beherrschte, von den tiefsten Tiefen mit seinen Kalmaren und seinen Krebsen und seinen Leuchtfischen bis zu den Wellen, die Ashgi-Kanuk schuf, in denen die Haie eine grausame Herrschaft errichtet hatten und durch die blutrote See pflügten.
Und Yjei-Doma sagte: "Du bist wahrhaft der Mächtigste von den Voluk, nichts ist dir gleich, und deine Wesen sind grausam, doch meine Otter sind auch sehr mächtig."
"Mächtig!?" brüllte daraufhin Bielomak so daß die schwarzen Wasser der tiefen See bis an die Oberfläche brodelten "deine Wesen sind klein und schwach, was sollen sie gegen meine Wesen tun?" forderte er Yjei-Doma heraus. Und sie, die dies geplant hatte, ließ sich bereitwillig auf einen Vergleich ein. Bielomak diktierte die Bedingungen und sie waren hart und brutal. Es sollte ein Kampf werden, der enden sollte, wenn eine der beiden Parteien ausgerottet wäre. Und so begann der ungleiche Kampf, die See war erfüllt vom Gestank des Todes und tote Otter trieben zuhauf mit aufgeblähten Bäuchen dahin, totgebissen und verstümmelt....
Die Kinder, die nun fast vollständig auf ihre Arbeit vergessen hatten und an Nakigas Lippen hingen, stöhnte nun auf und sahen verzweifelt aus, einige begannen sogar leise zu weinen und ein Kind, das die ganze Zeit einen der sich genüßlich sonnenden Otter gestreichelt hatte, drückte diesen nun ganz fest an sich, wie um ihn vor Bielomaks blutdürstenden Haien zu beschützen.
 .. und so verfolgten die Haie die Otter, bis nur mehr einer übrig war. Dieser schwamm immer schneller und entkam so ein um's andere Mal den bluttriefenden Zahnreihen der Haie und flüchtete in Richtung des Landes und im letzten Moment...
ging er an Land, benutzte seine Füße zum Gehen und entkam so den Haien, die sich ohnmächtig an Land warfen, unfähig, den Otter zu erreichen und zu dumm, um zu verstehen, warum sie dem Otter nicht folgen konnten.
 Die Kinder johlten vor Freude und Erleichterung und das eine Kind, das den armen Otter bald die Luft abgedrückt hatte, ließ ihn endlich los, worauf sich dieser rasch in's Wasser verzog.
 
Als Bielomak sah, daß seine Haie sich selbst in den Tod begaben, und er die Wette verlieren würde, flehte er Yjei-Doma an, den Wettkampf zu vergessen und schwor, sich wieder in die Tiefe zu begeben und nicht mehr die Herrschaft über das Meer anzustreben.
Yjei-Doma war zufrieden und widmete sich von nun ab dem Küstenstreifen, den ihre Wesen so trefflich beherrschen.
 
Doch Bielomak hat nie ganz seine Ambitionen aufgegeben. Ein Voluk, der noch unter den Tiefen der See lebt, soll sein Einflüsterer sein und er selbst verführt immer wieder Menschen, die ihm dienen und das böse Zeichen des Dreiecks führen. Sie sind die Feinde der Ottermutter..

...aber das ist eine andere Geschichte, die euch vielleicht beschäftigen werdet, wenn ihr älter sein, und nun geht nach Hause, die Sonne steht schon tief."
Damit entließ Nakiga die Kinder und nahm lächelnd einen großen Schluck Tangbieres aus dem Krug hinter ihr.



Last update:  04:05 26/11 2006